[UPDATE 08.04.] Den Teufel mit dem Beelzebub vertreiben? Oder: Mit militanten Neonazis gegen Sexualstraftäter?

Am 31. März 2011 demonstrierte in Duisburg-Ruhrort eine Bürgerinitiative gegen einen entlassenen Sexualstraftäter. Interessant für uns an dieser Sache ist, dass die Menschen in Ruhrort in ihrer Wut auf den Umgang des Staates mit dem Problem der aufgehobenen Sicherheitsverwahrung, eine Aktionseinheit mit bekannten und militanten Neonazis eingegangen sind.

duisburg-ruhrort_neonazis-bei-demo-gegen-sexualstraftaeter Auf der Kundgebung sprach u.a. der aus Moers stammende vorbestrafte Neonazi Kevin Giuliani. Giuliani, der sich vor Gericht selbst als „Mussolini-Deutscher“ bezeichnete, ist in der Vergangenheit schon häufig durch Gewaltexzesse in Erscheinung getreten. (vgl. JD/JL Duisburg (Hg.): Duisburg rechts um!? Neonazismus im Großraum Duisburg/Oberhausen, Duisburg 2002, S. 50ff.) Er zog sich eine Zeit lang ins Private zurück und drosselte seine Aktivitäten in der Szene, da er auch in Moers immer wieder wegen seiner faschistischen Gesinnung Probleme bekam. Aufgrund dessen verzog Giuliani kurzzeitig nach Hamburg. Nach seinem Umzug in den Krefelder Stadtteil Inrath ist er wohl wieder aktiv und plante vor ein paar Wochen für den 20. März noch ein sog. „Nationales Sportturnier“, welches er als Vertreter der NPD-Krefeld bewarb und aufgrund öffentlichen Drucks absagen musste.
duisburg-ruhrort_neonazis-bei-demo-gegen-sexualstraftaeterAnwesend waren neben den NPD-Mitgliedern des Kreisverbandes Düsseldorf/Mettmann auch Neonazis aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“. Zu dieser Mischung aus besorgten Eltern und bekennenden Nationalsozialist_innen gesellten sich auch einige Mitglieder der Rockergruppe „Bandidos“, denen von einer milieukundigen Journalistin nachgesagt wird, dass sie mit Zwangsprostitution in Verbindung stehen.
Diese doch seltsame Mischung an Kundgebungsteilnehmer_innen forderten die Todesstrafe für Sexualstraftäter. Laut Giulianis Rede, die von den Teilnehmer_innen beklatscht wurde, würde die Todesstrafe abschreckend wirken. Diese angebliche Abschreckungswirkung kann mit jeder Kriminalitätsstatistik aus Ländern mit noch vorhandener Todesstrafe widerlegt werden. So ist in US-Bundesstaaten, die die Todesstrafe abgeschafft haben, die Mordrate niedriger als in Bundesstaaten, die noch an ihr festhalten. Auch sind die auf der Demonstration transportierten externalisierenden Vorstellungen von Sexualstraftätern falsch. So geschieht der meiste Missbrauch nicht durch einen „bösen Fremden“, sondern eher im Familien- und Bekanntenkreis. (vgl. Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung, S. 552) Die Wahrscheinlichkeit Sexualstraftaten zu begehen ist deutlich höher, wenn die Täter selbst sexuellem Missbrauch, vorallem in der Familie ausgesetzt waren. Die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema bietet einiges mehr an fundierten Strategien gegen Missbrauch von Kindern als populistische oder neonazistische Hetzpropaganda!
Dass Eltern aufgrund verständlicher Sorgen um ihre Kinder dummen und falschen Parolen hinterherlaufen ist besorgniserregend. Eine sachliche Debatte, ohne Neonazis wäre sicher zielführender und auch eher im Interesse der Kinder.

[UPDATE] Nach weiterer Rechercheauswertung der Vorkommnisse in Ruhrort konnte festgestellt werden, dass Großteile des sogenannten „Nationalen Widerstands Duisburg“, also die sich als autonom gebärdenden Neonazis, an der Demonstration teilgenommen haben. Desweiteren war auch Frank Theißen (Vorsitzender der ansonsten nahezu inaktiven NPD-Duisburg) aus Meiderich anwesend, welcher neben Kevin Giuliani als Hetzredner auftrat.

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